Kampf um die Straße in Stötteritz

Am 24. April 2021 versammelten sich in Stötteritz etwa 400 Menschen. Mit einer Kundgebung auf dem Weißeplatz haben sie auf die verstärkten Aktivitäten von Neonazis in dem Leipziger Stadtteil aufmerksam gemacht. In unterschiedlichen Redebeiträgen wurde die Zivilgesellschaft zu mehr Engagement aufgerufen.Mit dabei war auch die neugegründete Initiative “Stötteritz nazifrei”, die von der aktuellen Situation im Viertel berichtete. Der LIXER e.V. erzählte von seiner Arbeit in den Stadtteilen Klein- und Großzschocher, wo der Verein einen demokratischen Stadtteilladen aufbaut. Das Dokumentationsprojekt Chronik.LE ging genauer auf aktuelle neonazistischen Vorgänge ein, die im Jahr 2020 zugenommen haben. Das Antifaschistische Ladenschlussbündnis ergänzte Hintergründe zu den Vernetzungen und Zusammenhänge zwischen Neonazi- und Kampfsport-Mileu im Leipzgier Osten.

Ein Stötteritzer Antifaschist berichtet im Interview von der Lage im Viertel.

Was ist heute los in Stötteritz?

Heute haben wir hier eine antifaschistische Kundgebung organisiert. Ich bin sehr erfreut über den regen Zulauf. Wir sind heute auch hier, um auf die Anwohner*innen hier vor Ort zuzugehen und auch das bürgerliche Spektrum wach zu rütteln. Aber darauf gab es auch schon Reaktionen von Rechts. Zum Beispiel da vorne, an der Ende der Straße, da wurde groß “NS-ZONE” an die Wand gesprüht.

Die Neonazis geben sich hier zu erkennen und verkünden klar, was sie vorhaben: einen rechten Kiez etablieren.

Wie ist die Situation mit Nazis in Stötteritz?

Die Lage ist angespannt. Es gibt auf einmal eine viel höhere Frequenz von rechten Aktivitäten. Angefangen hat das mit Schmierereien wie „NS-AREA“ und „Zecken jagen“. Nachts rufen Neonazis Parolen. Es ist gar nicht lange her, da hat einer hier den Hitlergruß gezeigt ist Leute angegangen. Mitten am Tag werden Menschen auf offener Straße bedroht. Einmal lautete die Drohung: „Ich rufe gleich meine Leute und dann steht hier ganz Stötteritz“.

Wie wirkt sich das auf das Leben im Viertel aus?

Bedrohungen wie diese machen deutlich, wie groß das Problem ist. Die Neonazis glauben tatsächlich schon, dass sie das ganze Viertel in der Hand hätten. Sie begreifen das hier als ihr Territorium und wollen durch die starke Präsenz mit Aufklebern und Graffitis signalisieren, dass hier Andersdenkende nicht willkommen sind. So werden Menschen, die nicht in das Weltbild der Neonazis passen, aktiv eingeschüchtert, ausgrenzt und tatsächlich auch angegriffen. Es wird fast zum Kampf um die Straße. Und im Moment sinkt die Hemmschwelle zur Gewalt bei den Nazis immer weiter.

Sind die verstärkten Aktivitäten der rechten Szene eine neue Entwicklung?

Es sind noch nicht alle Details bekannt, wie genau es zu dieser Entwicklung kam. Aber wir könnten die jüngsten Vorfälle auf jeden Fall dem politischen Umfeld der “Jungen Nationalisten”, der Partei “Der Dritter Weg” und der “Identitären Bewegung” zuordnen. Es sind aber auch Zeichen von Coronaleugner*innen hier im Stadtteil aufgetaucht.

Wie erklärt ihr euch, dass die rechte Szene hier so aktiv geworden ist?

Einer der Hintergründe ist sicher, dass es seit anderthalb bis zwei Jahren einen verstärkten Zuzug von Neonazis aus der Kampfsportszene und dem Umfeld von Lok Leipzig gegeben hat. Probstheida ist von Stötteritz nicht weit entfernt, da steht das Lok-Stadion. Wir beobachten da eine Vermengung vom Lok Leipzig Hooligan-Milieu und Rechtsextremen.

Stötteritz ist zwar schon noch städtisch geprägt, aber dahinter fängt mit Mölkau und Probstheida der ländlichere Bereich an. Und das sind ganz gute Unterschlupfpunkte für die Neonazis, denn der zivilgesellschaftliche Widerstand ist dort eher knapp.

Was entgegnet ihr der zunehmenden Aktivität von Neonazis in Stötteritz?

Wir steuern da natürlich gegen. Wir als Ansässige können vor allem rechte Taten beobachten und melden. Wenn wir rechte Propaganda sichten, können wir einander davon mitteilen und dann dagegen vorgehen. Wir können so etwas übermalen und auch sonst Zeichen geben, dass die Nazis hier nicht erwünscht sind. So zeigen wir, dass Stötteritz ein Viertel ist, in dem alle willkommen sind. 

Wie können euch Menschen aus anderen Stadtteilen unterstützen?

Politisch und zivilgesellschaftlich liegt in Stötteritz einiges im Argen. Es gibt nur wenige organisierte Strukturen und wenig politische Infrastruktur. Wir hoffen, dass sich mehr Menschen aus den anderen Stadtteilen mit den Leuten vor Ort vernetzen und solidarisch zeigen. Kommt einfach mal vorbei, entfernt rechte Sticker und Tags und beobachtet, was hier los ist.  Es ist wichtig, dass die Taten gemeldet werden. Deswegen sind hier stadtweite Akteure wie Chronik.LE auch so wichtig. Aber vor allem hoffen wir, dass sich mehr Menschen finden, die einfach hier sind und kontinuierlich arbeiten und intervenieren.

Auch das Bürgertum sollte aus der Lethargie raus kommen. Hätte es schneller einen breiten gesellschaftlichen Aufschrei gegeben, dann hätten sich die Nazis hier gar nicht erst so breit machen können. Bisher waren es leider nur wir Antifaschistinnen, die sich aktiv gezeigt haben.

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