Was war? 26. April 1986 – Reaktorunfall von Tschernobyl

Der bislang schwerste Reaktorunfall der Menschheitsgeschichte liegt nun 35 Jahre zurück. Es ist nahezu unmöglich, nicht davon gehört zu haben. Sei es nun aus Erzählungen von Zeitzeug*innen, dem Geschichts– oder Physikunterricht oder Medienberichten. Als 2011 infolge eines Tsunamis das japanische Kernkraftwerk Fukushima havarierte, war die Medienlandschaft voll von gezogenen Parallelen zum GAU von Tschernobyl aus dem Jahre 1986.

Daher konzentrieren wir uns hier weniger auf eine akribische Nachzeichnung der Ereignisse rund um das AKW als viel mehr auf den kulturellen Einfluss, den sie ausgeübt haben. Denn dass “Tschernobyl” eine ganz eigene Wirkungsgeschichte entfaltet hat, sollte klar sein. Um einige Beispiele dafür soll es hier gehen.

1988 – Skandal um “Burli”

Unmittelbar nach den ersten Berichten vom Unglück im sowjetischen Reaktor war die Verunsicherung groß. Sollte man auch in Westdeutschland die Fenster besser geschlossen halten? Könnten Lebensmittel kontaminiert sein? Ist es gefährlich, Pilze aus dem Wald zu essen?

Besonders groß war in den ausgehenden 80’ern im deutschsprachigen Raum aber auch die Erste Allgemeine Verunsicherung, kurz “EAV”. Die österreichische Pop-Rock-Band veröffentlichte 1987 ihr sechstes und bis heute erfolgreichstes Studioalbum “Liebe, Tod & Teufel”. Darauf enthalten ist auch der Song “Burli”, der 1988 als Single ausgekoppelt wurde. Dieser ist allerdings problematisch, da er seine Kritik an Atomenergie auf dem Rücken von Menschen mit Behinderungen äußert. Deshalb spielte ihn Sender Bayern3 nicht mehr. Diesem de facto Radio-Boykott ab Februar 1988 folgten die meisten westdeutschen Radiostationen. Dem Erfolg der Single tat das keinen Abbruch, im Gegenteil: Im Juli desselben Jahres waren die Österreicher mit “Burli” in der ZDF-Hitparade vertreten – und damit im Fernsehen.

1997 – Betroffene kommen zu Wort

Cover des Buchs "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft" von Swetlana Alexijewitsch

Wie bereits in ihrem 1985 erschienenen Dokumentarroman “Der Krieg hat kein weibliches Gesicht”, ließ Swetlana Alexijewitsch in “Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft” hauptsächlich Betroffene zu Wort kommen. 1986 lebte und arbeitete die damals noch nicht mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Journalistin selbst in Minsk. Besonders der Süden der damaligen Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik war stark vom Fallout des Reaktorunglücks betroffen. Auch dort wurde eine Sperrzone errichtet und viele Menschen waren gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen. Und so schildern in Alexijewitschs Collage Hinterbliebene, ehemalige Liquidatoren, Amtsinhaber, Wissenschaftler*innen, Anwohner*innen ihre Erlebnisse – oft bis in die grausamsten Details. Strukturiert werden die Berichte von Alexijewitschs Überlegungen zum Erzählten, in denen sie sich mit der Frage nach der gesellschaftlichen Aussagekraft des individuell Erlebten befasst.

2011 – Der Sprung auf die Leinwand

Pünktlich zum 25. Jahrestag von “Tschernobyl”  kam “An einem Samstag” (Originaltitel: “В субботу”) in die Kinos. Der Film des Regisseurs Alexander Mindadze war eine Deutsch-Russisch-Ukrainische Co-Produktion nahm an einigen Wettbewerben und Festivals teil, darunter auch die Berlinale.

Bis dahin lag der Fokus der Auseinandersetzung mit der Katastrophe auf den Menschen, die den Hergang des Unfalls und seine Auswirkungen möglichst genau schildern konnten, weil sie “ganz vorne mit dabei” waren. In “An einem Samstag” wird dieser Fokus eher zur Zivilbevölkerung verschoben. Zwar stehen die Vorgänge um das havarierte Kernkraft im Mittelpunkt des Films, aber er zeigt vor allem das ganze Drumherum. So ergibt sich ein tiefer Einblick in spätsowjetische Lebensrealitäten und ein kaum erträgliches Nebeneinander von banaler Alltäglichkeit und sich entfaltender Katastrophe.

2019 – Aufarbeitung als Miniserie

Vielen dürfte vor allem die relativ neue Mini-Serie “Chernobyl” im Gedächtnis geblieben sein. Der 2018 von HBO und Sky produzierte Fünfteiler wurde 2019 veröffentlicht und stieß auf ein großes Medienecho. Wenig überraschend steht auch hier der Reaktorunfall im Mittelpunkt. Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist aber das oft zähe Ringen der Wissenschaft mit der sowjetischen Führungsriege um das richtige Krisenmanagement. Die bis dahin ungeahnten Folgen eines GAUs werden schonungslos dargestellt. Besonders in den Szenen, in denen von der Strahlung unmittelbar betroffene Menschen im Vordergrund stehen, finden sich oft wortgetreue Umsetzungen der Berichte in Alexijewitschs Buch.

Insbesondere bei Kritiker*innen und Fachpublikum konnte die Serie punkten. So wurde Chernobyl einer der Abräumer bei den 2019er Emmy-Awards (Zweiterfolgreichste Serie – nach Game of Thrones – mit insgesamt 10 Auszeichnungen) und erhielt 2020 gleich zwei Golden Globes. 


Titelbild: “Chernobyl Reactor Gate” by Timm Suess is licensed under CC BY-SA 2.0
Buchcover: https://portal.dnb.de/opac/mvb/cover.htm?isbn=978-3-518-76155-7

Tobias

IT, Sprache(n), Politik, Musik, Literatur. Tut Banane auf Pizza. Ja, wirklich!

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