“Du verstehst meine Bedürfnisse!”

65, 64, 63, 62 – die Fußgängerampel zählt die Sekunden runter. Grünphasen können sehr lang sein, hier in Taipeh. Einige Straßen sind so breit, dass Fußgänger*innen mehr als eine Minute brauchen, um sie zu überqueren. Während die Sekunden verstreichen, läuft das grüne Ampelmännchen mit. Es ist ein Strichmännchen mit schlaksigen Beinen. Je weniger Zeit noch übrig ist, desto schneller wird es. Die letzten zehn Sekunden verbringt es in fast albernem Rennen oder schnellem Blinken. Albern sehe ich aber vermutlich auch ein wenig aus, während ich die letzten Meter über die Straße sprinte.

Taipeh ist freundlich

Da ich in Taiwan Urlaub mache, bin ich natürlich sehr gewillt, alles um mich herum so positiv wie möglich wahrzunehmen. Schmuddelwetter? Ach, könnte schlimmer sein. In der Metro ist es eng? Vielleicht, aber ich gelange günstig an mein Ziel. Seit drei Tagen genieße ich es sehr, in Taipeh unterwegs zu sein. Aber auch ohne meine rosarote Urlaubsbrille würde es mir sicher auffallen: Die Stadt selbst ist unheimlich freundlich und hilfsbereit.

Schilder iin Taipeh: Nettigkeit im öffentlichen Raum

Mit “hilfsbereit und freundlich” will ich nicht die Schwärmerei wiederholen, die mein Reiseführer mir über die Menschen hier erzählt. Es ist der öffentliche Raum an sich, der mir unabhängig von den Mitwartenden an der Ampel oder Sitznachbar*innen in der Metro nett begegnet. Hinweisschilder, Wegweiser, sogar Verbote, sie alle enthalten nicht nur die Botschaft an sich, sondern sind oft auch noch comichaft bebildert. Das macht sie nicht nur eindrucksvoller und verständlicher, sondern ganz einfach auch netter.

Pass auf! – Verbotsschilder 

Dass Finger nicht zwischen sich schließende Zugtüren gehören – und diese anscheinend auch keine Gnade kennen – zeigt ein kleines Bild an der Metrotür. Es ist aber nicht nur das Bild gequetschter Finger, das aufmerksam macht und abschreckt, sondern das eines bitterlich weinenden Gesichts. An einer Tür sah ich sogar einen kleinen Koala, der als schlechtes Beispiel diente.  Verlässt man den Zug, macht an der Rolltreppe zur Station ein buntes Schild darauf aufmerksam, wie leicht sich Gummischuhe in ihr verfangen.

Rauchverbot gilt auf vielen Plätzen in Taipeh. Gerade vor Schulen, Kindergärten und auch Universitäten sind aber zusätzliche Verbotsschilder angebracht. Mehr noch als die drohenden Bußgelder lässt aber das Bild eines Strichmännchens, das so fies aussieht, wie seine Schlichtheit es nur zulässt, den Gedanken aufkommen: “Bah, wer würde hier denn überhaupt rauchen wollen?!”

Bittesehr – die zuvorkommenden Orte

Zurück in der Metro finde ich mich in einem hellblauen Bereich wieder. Im Gegensatz zum Rest des Wagens tummeln sich an den Wänden Kätzchen, Spielzeug und ganz viel “Thank you”. Etwas verwundert schaue ich mich um, wofür mir hier gedankt wird, und finde sogleich den Hinweis: Dieser Bereich ist für Familien gedacht. Schwangere, Reisende mit Kinderwagen und Familien, für sie ist hier nicht nur extra Platz, sondern dieser Platz ist auch noch auffällig und kindgerecht gestaltet. Mit einem “thank you for showing respect” (“Danke, dass ihr das respektiert”) spricht eine zuckersüße Katze auch diejenigen nett an, für die dieser Bereich nicht gedacht ist.

Ich bewege mich in einen anderen Teil des Waggons und obwohl es hier nicht bunt ist, begegnen mir wieder: Kätzchen. “Thank you for your Thoughtfulness. You understand my needs.” (“Danke für deine Rücksicht. Du verstehst meine Bedürfnisse.”) sagt eines, das über zwei Sitzen in der Nähe der Tür angebracht ist. Die Botschaft, die Plätze für ältere, behinderte, kranke oder verletzte Menschen frei zu halten, wird ganz selbstverständlich von allen im Wagen beachtet.

"Du verstehst meine Bedürfnisse" - Schilder in Taipeh als Beispiel für Nettigkeit im öffentlichen Raum

Wer nicht die ganze Zeit Metro fährt oder sich in geschlossenen Gebäuden aufhält, wird in Taipeh sicherlich auch mal nass, denn in der Stadt regnet es recht häufig. Vor Supermärkten und in Bahnhöfen gibt’s darum Schirmständer für alle. Wer einen Regenschirm benötigt, findet dort mit etwas Glück einen. Wer so einen “geliehenen” Schirm nicht mehr benötigt, kann ihn dort einfach an andere weitergeben.

Ein Beispiel für Nettigkeit im öffentlichen Raum: Der Regenschirmverleih an einer Metrostation

Will mich diese Stadt veralbern?! 

Diese Hinweisschilder sind nur einige Beispiele, wie in Taipeh im öffentlichen Raum Verbote und Hinweise kommuniziert werden. Ist das zu viel der Niedlichkeit? Kommen sich erwachsene Menschen nicht etwas veralbert vor, wenn Botschaften im Straßenverkehr nicht neutral, sondern von Comicfiguren und süßen Tieren vermittelt werden? Ich für meinen Teil kann sagen: Nein. Trotz ihrer putzigen Umgebung kommen die Botschaften bei mir an und sind klar verständlich. Sie drücken keine Befehle aus, sondern machen in selbstverständlichem Ton klar, wie wichtig Achtsamkeit und Rücksichtnahme sind. Ihre grelle und auffällige Art haben vermutlich auch dazu geführt, dass ich sie besser wahrgenommen habe.

Bitte, bitte: Mehr davon! 

Infrastruktur, die unterschiedliche Bedürfnisse mitdenkt und sie auf positive, lockere Art an Menschen kommuniziert – mir gefällt’s. Es ist ein bisschen, als würde die Stadt wollen, dass alle Menschen – auch mit festen Regeln – eine gute Zeit haben. Bestimmt ist es auch die rosarote Urlaubsbrille, die macht, dass ich mir nicht vorstellen kann, jemals von süßen Katzenbildern genervt zu sein. Vor allem freue ich mich aber darüber, wie wichtig es genommen wird, freundlich, rücksichtsvoll und auch mal mit einem kleinen Augenzwinkern miteinander umzugehen. Und allem Anschein nach funktioniert das hier.


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