Kalte Kleinkunst

#kleinkunstalltag 3

– Kolumne von Florian Teller

Diese Kolumne ist unter Zeitnot entstanden. Das ist ein nicht selten auftretendes Phänomen und gehört bei solcherart Texten zum guten Ton. Der Grund für meinen Zeitmangel ist die beginnende Hauptsaison. Seitdem habe ich es als Kleinkünstler nicht nur mit Requisitenpflege und Balletttraining zu tun, sondern muss tatsächlich Auftritte absolvieren. Vor kurzem verschlug es mich in eine westsächsische Kleinstadt auf den dort stattfindenden Töpfermarkt. 

Übrigens: Wer hier wegen des Begriffs Kleinkunst Glanz und Glamour erwartet, wird enttäuscht. Ich bediene Kleinkunst im eigentlichen Sinne und begebe mich an Ortschaften, die die meisten nicht kennen. Und auch nicht kennenlernen wollen. Die große, weite Welt überlasse ich den echten Künstler*innen.

In dieser Kleinstadt, eigentlich sogar in einem Vorort derselben, fand jedenfalls ein Töpfermarkt statt. Hübsch gelegen im Grünen, unter großen Bäumen und neben einem Teich reihten sich Stände mit Tonwaren aneinander. Ein kleiner Bach durchschlängelte die Szenerie. Auf einer Wiese thronte ein Festplatz, dem gegenüber verschiedene Buden zu Speis und Trank einluden. Ganz malerisch. Bis auf den Regen. Und bis auf die Temperaturen um den Gefrierpunkt.

Im klammen Festzelt erfreuten zwei Musiker mit mittelalterlichen Weisen die wenigen Gäste. Sicherlich dachten die Veranstalter, dass zum alten Töpferhandwerk alt klingende Musik gut passen würde. Schließlich stammt die ersten Keramik von vor mehr als 20.000 Jahren. Zu dieser Zeit lag das Mittelalter zwar noch in weiter Ferne, aber wen kümmern solche Details. Zudem tragen Mittelaltermusiker*innen selten tatsächlich alte Musik vor, sondern oft Schlagerähnliches in mittelalterlich wirkenden Kostümen, mit mittelalterlich wirkenden Instrumenten und in einer Sprache, von der sie (meist zu Unrecht) annehmen, dass die Menschen sie damals so verwendet haben.

Nun kannte ich die beiden schon von früheren kulturellen Höhepunkten und sie sind wirklich unterhaltsam, so dass weiteres Schlechtreden unterbleiben wird. Auch musste ich nun nicht mehr alleine frieren. Im unbeheizten Backstage versuchten wir krampfhaft, mit Geschichten vergangener Feste unsere Gemüter und Glieder zu erwärmen. Ein weiteres mittelalterlich musizierendes Duo tauchte auf. Die beiden bekämpften ihre kalten Füße, in dem sie großzügig dem Alkohol zusprachen. Zur Mittagszeit schwankten sie bereits bedenklich.

Mein trauriger Höhepunkt war das Agieren vor fünf Besucher*innen. Diese hatten sich vorm Schneeregen ins Festzelt geflüchtet. Wir froren gemeinsam. Die Begeisterung war ebenso wie die Temperaturen niedrig. Nach weiteren vertraglich festgelegten und ebenso verfrorenen Auftritten durfte ich nach Hause reisen. Auf dem Rückweg nahm ich einen trampenden Kinderarzt mit. Dieser landete mittels Paraglider in der Gegend. Er wollte nach Hause zu seiner Frau und seinen sechs Kindern. Gerade baut er aber ein größeres Heim. Er war voller Freude, weil sein Freund, der vor einiger Zeit mal abstürzte und im Koma lag, nun endlich wieder mitflog. Persönliches Fazit: Lieber kalt als Fliegen. Damit ist die Kolumne fertig und Ihr um einen weiteren Einblick in den unglamourösen Kleinkunstalltag reicher.

Bild: Matthew Henry

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