Die Stille

Unterwegs in sächsischen Kleinstädten

In den vergangenen Wochen war ich in einigen Schulen Sachsens unterwegs, um über die Rolle antisemitischer Bilder und Stereotype in neonazistischer Musik (RechtsRock) zu sprechen. Darüber hinaus bot die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung (LpB) mehrere Vorträge in Volkshochschulen (VHS) an, um eine breite Öffentlichkeit über die Inhalte und Gefahren der Musik zu informieren. Welchen Menschen ich begegnet bin und welche Gespräche ich mit Schüler*innen und Erwachsenen geführt habe, möchte ich mit Euch teilen.

Vorab ein kurzer Hinweis: Selbstverständlich sind meine Eindrücke keineswegs repräsentativ für das gesellschaftliche Klima unter sächsischen Bürger*innen. Dennoch glaube ich, dass meine Erzählungen ein kleines Stimmungsbild vermitteln können. Insgesamt erlebte ich eine spannende Tour durch mehrere Kleinstädte wie Delitzsch, Hoyerswerda, Markkleeberg und Oschatz. Größtenteils besuchte ich 10., 11. und 12. Klassen aus Berufsschulzentren, Gymnasien und Oberschulen. Mein erkenntnisreichstes Gespräch führte ich jedoch in einer VHS vor leeren Stühlen.

Haustür zu, Vorhänge zu: Neonazis in der Nachbarschaft

Wo beginnt Zivilgesellschaft? Eine demokratische Zivilgesellschaft braucht mutige Stimmen, die sich für eine gute, gerechte Sache einsetzen. Sie braucht Stimmen, die laut werden und öffentlich wahrnehmbar sind. In einer Demokratie sollte das selbstverständlich sein. In einer Berufsschule habe ich in erschreckender Weise feststellen müssen, dass das nicht selbstverständlich ist. Das kalte Schweigen und die nüchterne Ignoranz vieler Schüler*innen, nachdem sie ausgewählte, zutiefst antisemitische Liedzeilen gelesen haben, erschrak mich. Natürlich erlebe ich oft eine gewisse Stille in Gesprächen über RechtsRock-Liedtexte. Aber: Dass man ernsthaft über Kunst- und Meinungsfreiheit diskutieren muss, wenn die Ermordung von Menschen besungen wird (»Blut muss fließen, knüppelhageldick«), zeigt, wie verroht mittlerweile Teile der Gesellschaft sind. Immerhin meldeten sich am Ende ein, zwei Schüler*innen, die meinten, Meinungsfreiheit kenne Grenzen. Eine Grenze sei Religion. In der Schulklasse gewinne ich meist den Eindruck, all das gehe sie nichts an. Eine Schülerin meint sogar, sie würde die Haustüre und den Vorhang schließen, wenn ein Neonazi-Konzert in ihrer Nachbarschaft stattfindet. Ich denke an die vielen Menschen, die tatsächlich ihre Vorhänge zuziehen, wenn Neonazis in Demonstrationen durch die Straßen marschieren. Was würde geschehen, wenn alle Menschen ihre Vorhänge zuziehen würden und sich niemand gegen die Neonazis zur Wehr setzen würde? Das Ende der Zivilgesellschaft wäre das Ende der Demokratie. Die Neonazis hätten den propagierten »Kampf um die Straße« längst gewonnen. 

Extrem rechte Musik: Eine bundesweite Herausforderung

In dieser Härte war diese Berufsschulklasse im Verlaufe meiner Besuche in Schulen eine Ausnahme. In jeder Klasse habe ich Schüler*innen erlebt, die sich einbrachten und sich interessiert zeigten. Gelegentlich kamen gar Schüler*innen in der Pause oder im Anschluss an die Veranstaltung auf mich zu, um mehr über das Thema zu erfahren und gezielt Fragen an mich zu stellen. Was ich allerdings überall antreffe: Die starke Präsenz der Abwesenden. Hinsichtlich der Stille erlebte ich keine Unterschiede zu Schulklassen, die ich woanders besucht habe. Wenn ich über RechtsRock spreche, betone ich, dass die Musik kein ostdeutsches Phänomen ist. Ich beginne, meine persönlichen Erfahrungen mit extrem rechter Musik in der baden-württembergischen Provinz zu schildern, um zu verdeutlichen: RechtsRock ist ein bundesweites Phänomen, das die Zivilgesellschaft in Ost und West gleichermaßen herausfordert. Das hat die Vertreter*innen der LpB und VHS sichtlich gefreut. Sie hoben das hervor, nachdem wir eine Schulveranstaltung verließen und zu dritt auf dem Parkplatz vor dem Schulgebäude standen. Beschränkte ich die Neonazi-Szene auf Ostdeutschland, würde sich unter den Schüler*innen Resignation breitmachen. Salopp meinte der Rektor ein wenig später im Vorbeigehen: »Wenn’s Institutionen wie die RAA und LpB nicht geben würde, wären alle rechts …« Die RAA Sachsen e.V. hat sich Anfang der 1990er Jahre im Kontext der zunehmenden Gewalt durch die extreme Rechte gegründet. Landesweit unterstützt sie Betroffene rechter Gewalt. Für viele Menschen ist sie eine wichtige Anlaufstelle. 

Ein rassistischer Sticker klebt auf dem Schild der Volkshochschule

Der steigende Druck durch Rechtsaußen

Auf dem Parkplatz wurde ich bereits gewarnt: In der nächsten Schule haben sich bereits einige Schüler*innen durch Shirts einschlägig bekannter Neonazi-Bands positioniert. Zuletzt habe ein AfD-naher Elternteil für Furore gesorgt, die in eine Kleine Anfrage der AfD im Landtag mündete. Der LpB-Mitarbeiter erzählt mir vom wachsenden Druck durch eine Partei, die Institutionen wie die LpB gänzlich abschaffen möchte. Die Sächsische Landeszentrale steht permanent unter Druck. Kleine Anfragen lähmen die politische Arbeit und strapazieren die Nerven der Angestellten. Ich fragte mich: Werden erneut AfD-nahe Elternteile in der Veranstaltung sitzen? Wenn ja, wie gehe ich damit um? Glücklicherweise stellte sich die Frage am nächsten Vormittag nicht. Ich erlebte eine nette Rektorin und eine vergleichsweise zahme Klasse. Die Veranstaltung steht sinnbildlich für das Gros meiner Tour durch die Schulen. 

Der mühsame Aufbau einer Zivilgesellschaft

Ein "Nafris not Welcome" Sticker klebt an einem Haltestellenaushang

Aber was erlebte ich im Rahmen der öffentlichen Vorträge? Meine Besuche in den Volkshochschulen waren weitestgehend ernüchternd: Eine VHS befand sich beinahe zwei Kilometer außerhalb der Stadt, abgelegen in einem Gewerbegebiet. Zwar besuchte niemand die Veranstaltung. Aber ich kam mit einem Mitarbeiter der VHS ins Gespräch. Weit mehr als eine Stunde unterhielten wir uns, darin erfuhr ich Vieles über ländliche Strukturen in Sachsen. Wieso besuchte die Veranstaltung niemand, obwohl sie sowohl online als auch in der Lokalzeitung beworben wurde? Er holte tief Luft und überlegte, wo er ansetzen sollte. Die VHS sei in der Weimarer Republik gegründet worden, in der Landesverfassung fest verankert und bis heute nicht nur ein Ort des Lernens sondern auch ein Ort der Gemeinschaft. Dennoch sei sie heutzutage schlecht besucht. Die meisten seien 70+, selbst die Lehrenden. Die Jüngsten, die gelegentlich Kurse besuchen, seien bereits Mitte 40. Jugendliche und junge Erwachsene kennen die VHS nicht. In der Verzweiflung, »neue« Gesichter für Kurse zu gewinnen, geht der Mitarbeiter sogar Listen früherer Kurse durch und fragt Teilnehmende, ob sie vielleicht mal wieder Lust auf einen Kurs haben. Es sei schwierig, die Kurse zu füllen, meint er. Gleichzeitig wolle die VHS ein Angebot machen, um der Vereinsamung in ländlichen Regionen entgegenzuwirken. Daher überlegen die Mitarbeiter*innen, Dorfgespräche bei Kaffee und Kuchen anzubieten, damit sich die Menschen treffen und austauschen. Ist das bereits der erste Schritt zur Zivilgesellschaft? Ich glaube, ja. Eine zentrale Herausforderung auf dem Land ist der Aufbau und Erhalt einer Zivilgesellschaft. Dabei denke ich an die ostsächsische Kleinstadt Ostritz an der polnischen Grenze. Durch die Proteste gegen das Neonazi-Festival »Schild & Schwert« hat sich quer durch sämtliche Altersklassen hinweg eine mutige Zivilgesellschaft gebildet. Die Gemeinschaft vernetzt lokale Akteur*innen und veranstaltet das »Ostritzer Friedensfest«. Der Aufbau einer aktiven und langfristig vernetzten Zivilgesellschaft ist ein mühsamer Prozess, aber sie ist das Fundament einer funktionierenden Demokratie. Ohne Zivilgesellschaft fehlt die demokratische Kultur.

Keine Debatte & kein Dialog

Nachdem wir uns über die AfD, die bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen und eine mögliche blau/schwarze Koalition unterhalten haben, äußerte er seine Ängste vor einer weiteren Verschärfung des Asylrechts. Plötzlich meinte er, 2015 sei er voller Begeisterung in die CDU eingetreten. Was ihn begeisterte: die humanitäre Politik der Bundeskanzlerin Angela Merkel gegenüber Geflüchteten. Er besuchte erste Versammlungen der Partei und stellte fest, wie entgeistert ihn die CDU-Mitglieder anschauten, als er ihnen seine Begeisterung zum Ausdruck brachte. Im Gespräch erzählte er mir von der Politikverdrossenheit. Er brachte einen konkreten Vorschlag für eine aktive Jugendarbeit ein, um Jugendliche für Parteipolitik zu begeistern. Rasch wurde sein Vorpreschen abgeschmettert. Keine Debatte. Kein Dialog. Am Ende wählten Teile der Mitglieder sogar die AfD. Sein Credo: Es braucht politische Bildung, um breite gesellschaftliche Schichten mit demokratischen Prozessen vertraut zu machen. Auf meine Frage, weshalb viele Menschen dermaßen abgestumpft und verdrossen sind, antwortete er überzeugt, dies hänge mit der Einigung 1989/90 zusammen. Schließlich seien viele nach der Wende wirtschaftlich enttäuscht worden. Die Enttäuschung sitzt tief.Starkes Ost/West-Gefälle statt »blühende Landschaften«, die Bundeskanzler Helmut Kohl einst versprach.

Einmischen & die Stimme erheben!

Zivilgesellschaft aufzubauen, zu erhalten und zu stärken ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die Schule ist ein wichtiger Ort, um Bewusstsein für demokratische Werte zu schaffen. Sie sollte ein lebendiger Ort sein, der einen Zugang zum Politischen ermöglicht. Dass sich Schüler*innen einmischen und ihre Stimmen erheben wollen, habe ich erlebt. Viele zeigten sich interessiert und offen. Aber ich habe auch viele Schüler*innen erlebt, die still sind und im Zweifel still bleiben. Und genau das ist das Problem.

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