Der Mut in der Stille

Bereits Mitte 2019 bin ich in einigen Schulen Sachsens unterwegs gewesen, um in Kooperation mit der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung über Antisemitismus in neonazistischer Musik aufzuklären. Nun bot sich vor kurzem erneut die Gelegenheit, Schulklassen zu besuchen und über das sensible Thema zu sprechen. Ich möchte – wie nach der ersten Tour (hier) – einige Erfahrungen, die ich im Laufe der zweiten Tour gesammelt habe, mit Euch teilen.

Ein Hinweis vorab: Selbstverständlich sind meine Eindrücke nicht repräsentativ für das gesellschaftliche Klima in Sachsen. Dennoch glaube ich, dass meine Erfahrungen ein kleines Stimmungsbild vermitteln können. Ich erlebte eine spannende Tour durch sächsische Kleinstädte. Dieses Mal besuchte ich Borna, Groitzsch und Hoyerswerda. Die Erlebnisse in einer Schulklasse und das anschließende Gespräch mit dem Klassenlehrer möchte ich gerne an Euch weitergeben. Denn es hat mich in vielerlei Hinsicht bewegt.

Rechtsrock als bundesweite Herausforderung

Über die aktive Beteiligung vieler Schüler*innen habe ich mich gefreut. Dennoch habe ich ein paar Eindrücke und Stimmen eingesammelt, die ich – vorsichtig formuliert – ein wenig problematisch finde: Als ich am Anfang meines Vortrags einige Fotos von Rechtsrock-Konzerten zeigte, meinten viele Schüler*innen, die Szenen müssten aus Thüringen stammen. Im Sinne von: Thüringen, das war ja wieder klar! Die Reaktionen erweckten den Eindruck, als hätte all das nichts mit Sachsen zu tun. Zwar meinte der Lehrer später, dass die Schüler*innen wüssten, dass sich das Phänomen keineswegs auf Thüringen beschränkt. Dennoch finde ich solche Reaktionen merkwürdig.

Protest als Querschnitt der Gesellschaft

Als ich ein Foto des Protests gegen das „Schild & Schwert“-Festival in Ostritz nahe der polnischen Grenze zeigte, meinte ein Schüler, das seien „Linke“, die gegen das Festival demonstrierten. Ich entgegnete ihm, es seien nicht „die Linken“, sondern ein Querschnitt der demokratischen Gesellschaft – von CDU bis Die Linke, von Heimatverein bis Antifa. Die Debatte, wie die Gesellschaft mit Rechtsrock umgehen sollte, wird häufig auf „die Linken“ und „die Rechten“ reduziert. Viele Schüler*innen fordern „Meinungsfreiheit“ und übersehen (bzw. überhören) die brandgefährliche Ideologie der Neonazis. Das ist ein fatales Signal!

Ein offener Umgang ist erforderlich!

Im Verlauf des Vortrags äußerten viele erschreckend offen, sie würden einschlägig bekannte Bands wie „Landser“ kennen. Gut zwei Drittel der Schulklasse hoben ihre Hand. Die meisten meinten, sie seien der Musik im Internet begegnet. Einer meinte, er habe über seinen Freundeskreis von Rechtsrock-Bands gehört. Wir brauchen uns meiner Einschätzung nach keine Illusionen machen: Natürlich wissen die meisten Jugendlichen Bescheid. Sie kennen die Musik. Es ist ein offener Umgang erforderlich, der über die Bedeutung und über die Inhalte der Musik aufklärt und auf die Parallelen zur Ideologie des historischen Nationalsozialismus hinweist.

Die Zivilgesellschaft muss klare Kante zeigen!

Eine demokratische Zivilgesellschaft lebt von Menschen, die klare Kante zeigen. Von Menschen, die mutig sind und sich positionieren. Ich bin im Laufe meiner Tour vielen Schüler*innen begegnet, die sich in die Debatte um den Umgang mit neonazistischer Musik eingebracht haben und glaubhaft ausstrahlten, dass sie keinen Rechtsrock in ihrer Nachbarschaft tolerieren. Neben Schüler*innen sind mir Lehrkräfte aufgefallen: Das Verhalten und die deutlichen Worte eines Lehrers gehen mir nicht aus dem Kopf. Als er merkte, dass manche Schüler*innen lachten und plauderten, während ich mich mit der Klasse über die Gräueltaten der SS unterhielt, meinte er, wir sollten uns bewusst sein, dass wir heute in Anbetracht der politischen Gemengelage „erneut“ an einem „Scheideweg“ stünden. Unmittelbar nach der Veranstaltung suchte er das Gespräch mit den Schüler*innen.

Differenziert & überlegt urteilen

Der Lehrer und ich nahmen uns nach der Schulveranstaltung Zeit und sprachen über das Geschehene. Er war traurig über die Respektlosigkeit mancher bei einem solch ernsten und wichtigen Thema. Gerade in der heutigen Zeit sei ihm die Vermittlung demokratischer Werte ein Herzensanliegen. Er berichtete mir von zwei syrischen Geflüchteten, die die Klasse seit einiger Zeit besuchen. Er meinte, sie seien bestens in die Schulklasse integriert, allerdings bauten sie in den vergangenen Wochen und Monaten erheblich ab. Er meinte daraufhin: Das Verhalten sei in Anbetracht des Verhaltens von manchen einheimischen Jugendlichen kein Wunder. Er sprach eine wichtige Sache an. Was die Rechten dazu sagen würden? Schließlich suchen sie einzig und allein die Schuld in der „Kultur“ und „Identität“ der Geflüchteten. Das Urteil des Lehrers war differenziert. Einen Satz später stellte er klar, das veränderte Verhalten der syrischen Schüler könne genauso gut andere Gründe haben. Man denke an einschneidende Alltagserlebnisse oder an den familiären Hintergrund.

Unerschrocken & leidenschaftlich weitermachen

Später sprach der Lehrer über seine gespaltene Heimatstadt, in der die AfD bald den Bürgermeister stellen könnte. Es macht Mut, dass ein Lehrer, der erlebt, wie sich die Mehrheiten in der Stadt ändern, in der er aufgewachsen ist und lebt, nicht den Kopf hängen lässt – sondern unerschrocken und leidenschaftlich weitermacht. Die Erfolge der AfD erklärt er über die Unzufriedenheit über die wirtschaftliche Entwicklung in der Stadt. Die Stadt liegt ohne Industrie brach. No future? Am Ende unseres Gesprächs meinte der Lehrer, es könne nicht genug von derartigen Unterrichtsbesuchen geben. Sein persönliches Resümee hat mich gefreut. Aber vor allem habe ich mich über seinen Mut gefreut. Der Mut hat mich berührt und inspiriert – und mir gezeigt, dass es sehr wohl eine Zukunft gibt.

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