Erinnerungskultur in der Kleinstadt

Am 19. April 2021 fanden im Leipziger Umland mehrere Stolpersteinverlegungen statt. Wer sind die Menschen, die in Geithain, Bad Lausick und Pegau die Initiative ergreifen? Wie wird ihrem Engagement dort begegnet?

In Leipzig erinnern an über 200 Orten Stolpersteine an Menschen, die im Nationalsozialismus verfolgt, gefoltert, deportiert und ermordet wurden. In den Städten und Gemeinden rund um die Großstadt kann man die Gedenkorte oft an einer Hand abzählen, wenn es sie überhaupt gibt. Am 19. April 2021 wurden es immerhin ein paar mehr. Gemeinsam mit Initiativen aus Schulklassen in Geithain und Bad Lausick sowie Konfirmand*innen in Pegau hat der Erich-Zeigner-Haus e.V. insgesamt acht neue Stolpersteine verlegt.

Wozu das Ganze?

“Wir wollen nicht nur Erinnerungskultur in die Öffentlichkeit tragen, sondern erreichen, dass die nächste Generation die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus praktisch erlebt”, erklärt Henry Lewkowitz. Er ist Vorsitzender des Leipziger Erich-Zeigner-Haus e.V., der die lokalen Stolpersteinprojekte unterstützt. Das scheint in Geithain, Bad Lausick und Pegau zu gelingen: Die Jugendlichen berichten, dass nicht nur die Biografien der Menschen sie bewegt haben, sondern auch die Gespräche, die sie während der Recherchen über aktuelle Formen von Menschenfeindlichkeit und Diskriminierung geführt haben.

Wer begleitet die Projekte?

Marcus Stöver arbeitet beim Flexiblen Jugendmanagement im Landkreis Leipzig. Er hat in Geithain schon mehrmals Schüler*innen bei Stolpersteinprojekten begleitet. Nicht jede*r im Ort stehe der öffentlichen Erinnerungskultur positiv gegenüber, berichtet er. Doch er bemerke auch, dass die kontinuierliche Arbeit wirkt: “Leute wissen davon und schätzen das wert. Beim letzten Mal waren fast fünfzig Leute bei der Verlegung, auch aus dem Landkreis.” Unter Pandemie-Bedingungen sind es 2021 weniger. Dafür haben die Schüler*innen in Geithain einen Instagram-Account für den Stolperstein von Paul Weise angelegt. Gemeinsam mit dem Schweizerhaus Püchau e.V. haben sie Filme gedreht und auf Instagram veröffentlicht. Aber nicht jedes Stolpersteinprojekt müsse professionell begleitet werden, sagt Marcus Stöver: “Es wäre toll, wenn Privatpersonen oder Vereine Lust haben, sowas zu machen und eigeninitiativ Projekte starten.”

Wer ergreift die Initiative?

Die Gemeindepädagogin Eva Reiprich hat in Pegau aus eigenem Antrieb begonnen, die Biografien jüdischer Menschen in Pegau zu recherchieren und damit die Verlegung der ersten fünf Stolpersteine im Ort ermöglicht. Ihr sei als Gemeindepädagogin wichtig, die Geschichte des Judentums zu vermitteln. “Das kann man am besten durch regionale Geschichte, von Menschen, die hier gelebt haben”, meint sie. Die Konfirmand*innen waren dem Projekt gegenüber aufgeschlossen und auch die Pegauer*innen haben positiv auf die Stolpersteine reagiert.

Wer kann supporten?

Henry Lewkowitz vom Erich-Zeigner-Haus e.V. begleitet Stolpersteinprojekte wie die in Geithain, Bad Lausick und Pegau seit mehreren Jahren. Die Projekte und Initiativen können auch von der Großstadt aus unterstützt werden, erklärt er. Am naheliegendsten sei eine Spende. Gerade, wenn viele Stolpersteine verlegt werden sollen, sei es nicht einfach, auf dem Land und in der Kleinstadt Geld dafür zu sammeln. Berichterstattung und öffentliches Interesse bieten häufig Schutz vor Anfeindungen und Angriffen gegen die Stolpersteinverlegungen. Darüber hinaus haben sie ideellen Wert: “Auch die bloße Anwesenheit bei einer Verlegung ist ein wichtiges politisches Signal, dass sich auch Großstädter für die Vorkommnisse im Land interessieren.”

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