Streikender Kleinkünstler

#kleinkunstalltag 1

– Kolumne von Florian Teller

Seit das kommunistische Känguru die Bühne betrat ist der Begriff des Kleinkünstlers kein unbekannter mehr. Mag der Chronist des Beuteltiers auch jene Zuschreibung vehement ablehnen, gibt es tatsächlich Menschen, die kraft ihrer artistischen Fähigkeiten ihren Lebensunterhalt verdienen. So auch der Autor dieser Kolumne, der mittels Jonglage und Zauberei durch die Lande tingelt. Also, eigentlich vor allem durch Sachsen und drumherum. Überhaupt: Jonglage und Zauberei. Lange Zeit galten diese Disziplinen als unvereinbar und es existierte mancherlei Vorurteil über ihre Vertreter*innen. Zauber*innen seien eingebildet und müssten nicht üben, da sie sich die Tricks einfach kaufen könnten. Jongleur*innen hingegen würden immer hippiemäßig mit Batikhose und Dreadlocks auftauchen. Die bekannteste deutschsprachige Internetseite für Jongleur*innen hieß dann konsequenterweise inbaz.de, ein Akronym für „immer noch besser als zaubern“. Die Seite gibt’s nicht mehr und ich bin etwas stolz mit meiner Berufswahl zur Versöhnung zwischen zwei Kleinkunstgruppen beizutragen. Jedes Jahr aufs Neue.

Die Jahresuhr steht niemals still!

So ein Kleinkunstjahr besteht übrigens aus drei Jahreszeiten: Hauptsaison, Weihnachtssaison und Saure-Gurken-Zeit. In letzterer befinden wir uns gerade. In dieser Periode sollen neue Shows geprobt, Ideen entwickelt und die Requisiten geputzt und repariert werden. In der Wirklichkeit schmeiße ich den Krempel mit erleichtertem Seufzen in die Ecke und gebe mich dem Müßiggang hin. Denn Auftrittsanfragen sind selten in dieser Jahreszeit.

Jüngst jedoch erreichte mich die Anfrage, ob ich nicht am 8. März, Datum des diesjährigen feministischen Streiks, Streikende und deren Kinder programmmäßig unterhalten wolle. Nun wäre das ja Arbeit, wenn auch unbezahlte. Wäre es somit nicht konsequent, wenn ich solidarisch im Bett bliebe? Auf unbezahlte Arbeit soll zum Streiktag auch hingewiesen werden, allerdings meint das die unbezahlte Haushalts- und Sorgearbeit. Diese wird immer noch vor allem von Frauen erledigt, während die Männer Karrieremachen und das Geld verdienen. Die Frau bleibt finanziell vom Mann abhängig. Alles andere wäre gefährlich. Vor allem für Männer, die solchen Quatsch als natürliche Gesellschaftsordnung zu rechtfertigen versuchen. Höchste Zeit also, dass sich das ändert.

Emanzipatorisches Entertainment?

Änderungsbedarf besteht auch in der Kleinkunstszene. Mitnichten besteht diese nur aus emanzipatorischen Menschen, die ihre Rolle in der Gesellschaft und auf der Bühne kritisch reflektieren. Zuletzt durfte ich in Leipzig eine Nummer von Kolleg*innen erleben, in der maskuline Bauarbeiter typisch „weibliche“, also mit Absatzschuhen, knappen Kostümen und lasziven Bewegungen ausgestattete Frauen verführten und ihnen dabei auf den Hintern klatschten. Ein bisschen Luftakrobatik gab’s auch noch dazu, sollte schließlich Kleinkunst sein. Die bald einsetzende Kritik wurde mit dem Verweis abgebügelt, das Publikum hätte doch gelacht. Außerdem sei man selbst Schuld, wenn man das nicht lustig fände. Klingt wie Annegret Kramp-Karrenbauer im Karnevalsfieber.

Mein bescheidener Beitrag

Als moderner Kleinkünstler konnte ich sowas natürlich nicht hinnehmen und suchte die verbale Auseinandersetzung. Als Folge ist die Kleinkunstszene entzweit. Auf der einen Seite stehen die politisch Korrekten und Humorlosen und auf der anderen Seite die, die noch wissen, was Spaß ist und für die tradierte Geschlechterrollen einfach „natürlich“ sind. Hier steht noch viel Aufklärungsarbeit an und die Versöhnung somit noch aus.

Angesichts dieser traurigen Zustände kann ich gar nicht anders als am 8. März gemäß seiner Profession solidarisch tätig zu werden. Streiken ist für Selbstständige eh Quatsch. Und Saure-Gurken-Zeit war lange genug.

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