Wie Vielfalt nicht nur eure Timeline verändern kann

Alte weiße Männer haben schon ganz schön viele schlaue Dinge gesagt. Sie sind dabei, neue schlaue Dinge rauszufinden und unermüdlich, sie der Welt zu verkünden. Ausschließlich ihnen zuzuhören ist jedoch kein Weg, ein Leben in einer vielfältigen und offenen Gesellschaft zu erreichen.

Beispiel: Rassismus

Nur wenige Stunden nachdem in der Silvesternacht 18/19 ein Mann mit einem Auto in mehrere Menschenmengen fuhr, überschlugen sich die deutschsprachigen Medien. Da war zu lesen, dass Fremdenfeindlichkeit Anlass zur Tat war. Oder dass der Täter aus “persönlicher Betroffenheit” Hass auf Ausländer entwickelt hätte. Es wurden sogleich Stimmen laut, die diese Sichtweise anprangerten. Schließlich hatte der Täter nicht gezielt weiße Dän*innen oder Schwed*innen attackiert, sondern Personen mit dunkler Hautfarbe. Sein Tatmotiv kann damit klar als rassistisch benannt werden.

So schlau und richtig diese Worte sind, so sehr fiel mir in meiner Filterblase auf, dass die Statements mit der größten Reichweite von weißen Männern kamen. Grundsätzlich ist es natürlich positiv, wenn die Gesellschaft so breit wie möglich gegen Rassismus sensibilisiert ist. Grundsätzlich ist es auch positiv, dass so viele Menschen wie möglich laut werden gegen rassistische Gewalttaten. Andererseits ist es keine neue Nachricht, dass Rassismus als solcher benannt werden muss, um aktiv gegen ihn vorgehen zu können. Auf Workshops, in Texten, Redebeiträgen oder Instagram-Stories machen von Rassismus betroffene Menschen unermüdlich darauf aufmerksam.

[Sinngemäße Übersetzung: “Liebe weiße Menschen. Das ist zu tun, wenn ihr rassistisch wart. 1. Tretet einen Schritt zurück. Es geht im Moment nicht um euch und eure Gefühle; versteht das. 2. Hört BPOC zu. 3. Hört nochmal zu!! 4. Sagt allen BPOC danke dafür, dass sie ihre Gedanken teilen und ihre Perspektive erklären.

Weitererzählen…

Gerade, wer nicht von Diskriminierung und aus ihr hervorgehender Gewalt betroffen ist, täte gut daran, immer mal einen Schritt in den Hintergrund zu treten. Im Falle der Gewalttaten von Essen und Bottrop war es ein Leichtes, sich als weiße Person umzusehen, was Menschen sagen, die selbst von Rassismus betroffen sind. Über Retweet- und Sharebuttons ist es problemlos möglich, ihren Worten und Ansichten Reichweite zu verleihen.

…statt selber den Ton angeben wollen

Völlig daneben liegt übrigens, wer versucht, Diskriminierung zu verharmlosen. Das passiert beispielsweise wenn eine nicht von Rassismus betroffene Person meint, darüber zu entscheiden, was rassistisch ist – und vor allem, was nicht. Sätze wie “Stell dich nicht so an, das ist doch kein Rassismus” oder “Ich seh da keinen Rassismus” sind abwertend. Es ist verständlich, dass man etwas, das man selbst nicht erlebt, nicht vollständig einschätzen kann. Ein Grund, die Erfahrungen der Betroffenen in Frage zu stellen, ist das aber nicht. Natürlich ist es unangenehm, dabei vielleicht auch festzustellen, dass man selbst diskriminiert. Nur: Das sofort klein zu reden hilft hier überhaupt nicht.

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Die falschen “Expert*innen”

Sicher werden Menschen, die ein bestimmtes Thema studiert haben, durchaus etwas darüber zu sagen haben. Das Gespräch bleibt jedoch einseitig, wenn die Betroffenenperspektive ignoriert wird. Ein prominentes Beispiel, wie schief das gehen kann, ist die Diskussion um Pegida in Dresden. Allzu oft wurde der Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt befragt, wenn es darum ging, die neurechten Demonstrationen einzuschätzen. Nun ist Patzelts fehlende Distanz und Haltung gegen Rechts das Eine, das dazu führte, dass Pegida in Politik und Medien verharmlost wird und wurde. Ein anderer Faktor ist seine Unbetroffenheit von rechter Gewalt. Als weißer Deutscher wird er nie Rassismus erfahren. Er ist keinem Antisemitismus, keiner Homo- oder Transfeindlichkeit und keinem Ableismus ausgesetzt. Als Mann wird er nie die Frauenfeindlichkeit Pegidas erleben. Patzelts Einschätzung, Pegida fördere die Demokratie, hätte nicht so große Verbreitung gefunden, wäre auch denjenigen so sehr zugehört worden, die in Dresden gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit erleben.

Pssst, alte weiße Männer!

Nein, das hier ist kein Plädoyer für mehr Schweigen. Sondern dafür, denjenigen zuzuhören, die nicht aus einer privilegierten Position heraus sprechen. Hört denjenigen zu, deren Kampf gegen Rassismus nicht optional ist, weil sie täglich von ihm betroffen sind. Verbreitet Statements derjenigen, die aus Erfahrung heraus sprechen. Unterstützt die inhaltliche Arbeit und den Aktivismus von Menschen, die sie ohne Entlohnung und großen Ruhm ausüben.

Lasst die alten weißen Männer meinetwegen weiterhin viele Dinge sagen. Aber gebt denjenigen ein Megaphon, die aus persönlicher Betroffenheit und Eigeninitiative heraus sprechen.

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