Serienempfehlung: “Beastars”

Zugegeben, ich hatte Anime-Serien sehr lange ignoriert (ich reduzierte das Genre auf das, was ich aus meiner Kindheit kannte: Mila Superstar, Die Kickers, Sailor Moon und Pokémon). Das habe ich in den letzten Jahren geändert, einige Klassiker nachgeholt und verfolge nun durchaus interessiert mit, was es so an Neuem gibt. Daher bin ich kürzlich über die Serie “Beastars” gestolpert, die ich wärmstens empfehlen kann.

Disney gone dark

Die Handlung spielt in einer nicht weiter benannten Stadt, in der Tiere sämtlicher Gattungen zusammenleben. Fleisch- und Pflanzenfresser, Jagd- und Beutetiere. So ähnlich wie in Disneys “Zootopia” (warum auch immer dieser Film auf Deutsch “Zoomania” heißt, erschließt sich mir nicht). Nur, dass es bei Beastars deutlich realistischer, soll heißen: düsterer, zugeht. Denn anders als bei Disney, werden trotz entsprechender Gesetze immer wieder Pflanzenfresser von Fleischfressern getötet und verspeist. Solche Vorfälle werden dann groß in den Medien thematisiert und versetzen die Community der Pflanzenfresser in Angst und Schrecken.

Food? Are you food?

Serienprotagonist von Beastars: Grauwolf Legoshi
Protagonist der Serie: Der Grauwolf Legoshi

Das ist auch der Einstieg in die Serie. Die Handlung setzt ein, als ein Schüler, Tem, ein Alpaca, an der Cherryton High School eben dort eines Abends getötet und verspeist wird. Der Fokus der Handlung und auch der argwöhnischen Schüler*innen liegt im Folgenden auf dem jungen Grauwolf Legoshi, der unglaublich mit sich selbst und seiner Rolle in dieser Gesellschaft hadert. Er kannte Tem aus der Theater-AG der Schule, die kurz vor ihrer jährlichen Aufführung steht. Parallel dazu wird die ältere Schülerin Haru, ein Schneehase, in die Handlung eingeführt. Sie scheint eine Außenseiterin zu sein, da sie zum ersten Mal zu sehen ist, wie sie ihr Abendessen alleine außerhalb der Mensa einnimmt und währenddessen von drei weiteren Schülerinnen gemobbt wird. Seltsamerweise scheint Haru das nicht besonders zu berühren. Eines Nachts kreuzen sich dann die Wege von Legoshi und Haru auf dem Campus. Was dort passiert, wird nicht verraten (Spoiler!), aber hier wird ein altes Motiv – Hase und Wolf – aufgegriffen und um Facetten erweitert, die sonst eher nicht in diesem Zusammenhang auftauchen.

Deshalb lohnt sich Beaststars…

Das erfrischende an der Serie ist, dass sie, obwohl sie ausschließlich von Tieren handelt, zutiefst menschliche Fragen aufwirft: Wie kann Gesellschaft funktionieren? Wie sehr ist das Individuum in seinem Handeln von seiner Biologie bestimmt? Welcher Raum darf den eigenen Impulsen und Trieben zugestanden werden, ohne sich dadurch schuldig zu machen? Was ist Moral? Was heißt es in einer Gesellschaft auf eine gewisse Weise wahrgenommen zu werden? Und wie nehme ich mich überhaupt selbst wahr?

Der [englischsprachige] Trailer der Serie. Aber keine Bange, es gibt sie auch auf Deutsch 😉 Und für die Anime-Purist*innen natürlich auch auf Japanisch.

Den Hauptfiguren geht es – trotz aller widriger gesellschaftlicher Umstände – um die Verwirklichung ihrer selbst. Legoshi, der als Wolf gelesen wird, hält sich gern im Hintergrund, versucht, seinen Mitschüler*innen nicht unnötig Angst zu machen und kümmert sich hingebungsvoll um sein Haustier – einen winzig kleinen Käfer. All das hilft ihm in einer toxisch-männlichen Umgebung kein Stück.Haru hat damit zu kämpfen, dass sie als Pflanzenfresserin ein klassisches Beute- und Fluchttier ist. Da ihr Leben jederzeit zu Ende sein kann, versucht sie so gut sie kann im Hier und Jetzt, im Moment zu leben. Am besten gelingt ihr das beim Sex. Der Umgang ihrer Mitschülerinnen mit ihr illustriert sehr gut, was sich hinter dem Begriff “Slutshaming” verbirgt.
Im Laufe der Serie erfahren wir immer mehr über die Vergangenheit der Hauptfiguren, wodurch ihr jeweiliges Handeln besser verständlich wird. Es ist sehr schön, auf diese Weise plötzlich dieselben Charakterzüge begreifen zu können, die am Anfang noch verwirrend und überraschend waren. Besonders die inneren Monologe sind grafisch wunderschön und originell umgesetzt, so dass sie sich deutlich vom Rest der Handlung abheben.

…aber es gibt einige Abstriche.

Beastars ist die Anime-Umsetzung eines Shōnen-Mangas, das heißt, dass er sich hauptsächlich an ein Publikum richtet, das männlich und jugendlich ist. Diese haben oft einen männlichen Protagonisten, der in einer Welt lebt, mit der sich die Zielgruppe mehr oder weniger identifizieren kann. Das erklärt auch, weshalb es nur wenige weibliche Figuren gibt, die überhaupt in der Handlung vorkommen und die näher vorgestellt werden. Den Bechdel-Test würde die Serie vermutlich nicht bestehen, denn sowohl Haru als auch die Grauwölfin Juna, die im weiteren Verlauf auftaucht, spielen hauptsächlich wegen ihrer Beziehung zu Legoshi eine Rolle.

Der Bechdel-Test soll in Erfahrung bringen, ob und wie sehr weibliche Figuren als Stereotype dargestellt werden.
Der Test besteht aus einem einfachen Fragenkatalog und existiert in mehreren Varianten.
Weiterlesen auf Wikipedia

Zumal die gezeichnete Gesellschaft eine durch und durch konservative ist. Beispielsweise spielen natürlich Beziehungen unter den Heranwachsenden eine Rolle, aber es handelt sich nur um Cis-Hetero-Beziehungen. Der Konsum pornografischen Materials wird selbst von Gleichaltrigen als pervers stigmatisiert. Disziplin und Pflichterfüllung wabern durch jede Ecke der High-School – seien es nun akademische Anforderungen oder die Erwartungen an die nächste Aufführung der Theater-AG. Einerseits hätte ich mir gewünscht, dass die Serie auch ohne das alles ausgekommen wäre. Andererseits frage ich mich, ob dann das Besondere an ihr noch besonders besonders wäre…


Die erste Staffel von “Beastars” ist mit allen zwölf Folgen seit März in Deutschland auf Netflix zu sehen. Und anders als bei “Tuca & Bertie” steht jetzt schon fest, dass es eine zweite Staffel geben soll.

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